Stumme Schreie sind lauter als laute, aber niemand hört sie.
Nichts ist lauter als etwas, doch wie kann ich es verstehen?
Manchmal ist nichts mehr als etwas. Man sieht es nur nicht (gleich).
Ich lese eine um die andere auf, um Stück um Stück zu einem Spiegelbild zusammenzusetzen, in dem ich mir in die Augen schaue, doch nie wie du sie siehst; und mit meinem Blick kannst du nicht wie ich in deinem versinken.
Müde des Fragens, wer ich sei
Müde des Suchens nach mir selbst
frag ich dich:
Wo bist und wonach suchst du?
Sind wir nicht selbst wandelnde Fragen?
Komm, finde und beantworte mich.
Es steht ein Haus in einem Dorf zwischen Bergen und Ländern,
zwischen Meeren und Himmeln.
Es steht da, Jahrzehnt um Jahrzehnt.
Hinter kleinen Fenstern unter niedriger Decke
vermag Lampenlicht den Raum nur dürftig aufzuhellen,
wo einst das Pendel die Schläge der Zeit ankündigte.
Draussen hört man, wie der Bach von den Felsen stürzt
wie sich die Bahn Zahn um Zahn den Berg hinauf schleppt.
Und wenn man durch die mit Seeduft getränkte Luft schaukelt,
den Wipfeln und Gipfeln entgegen,
hört man leicht das Meeresrauschen.
Das Pendel steht lange schon still.
Die Zeit zieht an den Fassaden vorbei.
Es steckt im Haus die Einsamkeit, die Welt auszuschliessen.
Das Problem mit den Flitterflatterfliederblüten: Sie flirren in der Luft und kaum nehmen sie Gestalt an, flattern sie auch schon davon.
»Glück malt man mit Punkten, Unglück mit Strichen«, sagte sie. »Du musst, wenn du unser Glück beschreiben willst, ganz viele kleine Punkte machen wie Seurat. Und dass es Glück war, wird man erst aus der Distanz sehen.«
Peter Stamm, Agnes
In Wogen, in Liebe in mir endet, kurz vor Sonnenaufgang, von Rauschen begleitet unser Abend, Verfliessender. Dann zeigst du mir den Morgen. Mein Tag hat begonnen. Ich atme. Die Nacht wird mir allein gehören.
An all die Leute, die mir ihre sogenannten gut gemeinten Ratschläge fürs Leben erteilen und glauben zu verstehen, obwohl sie nie zuhören.
Was wisst ihr schon...
Wisst ihr denn nicht, dass die Lebenden sterben, Tag um Tag; dass die Toten leben, und dies nicht im Sarg? Wisst ihr denn nicht, dass die Sprechenden stumm sind und einzig die Schweigenden singen? Lasst ihr Lied mich beschwingen!
Ihr glaubt, in der Durchsichtigkeit des Alltags zu sehen, doch die Farben des Lebens erreichen euch kaum. Ihr verlangt Pläne, denn meine Träume seien Schaum. Mir graut vor eurem Streben, und suche das Leben, das Schöne auf dieser Welt, für das ihr keinen Platz bereit hält.
Ihr kreiert Wörter, die ihr nicht versteht; verurteilt Taten, die ihr selbst begeht. Verzweifelt zählt ihr jeden Tag - ich folge lediglich meinem Herzschlag. Ihr baut euch Kerker aus Normen, und mir sagt ihr, ich sei nicht normal.
Wisst ihr was? Ich scheiss drauf, ihr kotzt mich nun mal an.
Sie sind die Begebenheiten, die sich ergeben, die Begegnungen, denen wir entgegentreten. Sie sind die Geschichten ohne Anfang und ohne Ende. Die sind ein Teil von – etwas ist.
Als ich am Tor stand, freute ich mich auf das Spiel und die Entdeckungen. Mir war nicht klar, wie dicht die Büsche den Weg säumten, wie hoch die Dornen sich türmten und dass der Weg viele Wege bedeutete. Aber wenn man am Tor steht, hat man keine Wahl, es geht zunächst nur vorwärts.
An den vielen Kreuzungen machte ich viele Begegnungen, doch niemand wusste, welcher Weg der richtige war. Wir gingen ein Stück zusammen, trennten uns wieder, gingen hin und wieder zurück. Aus dem Labyrinth der Wege und Kreuzungen wurde bald auch ein Labyrinth der Gefühle und Emotionen. Ich schrieb meine Wünsche in Sand, damit der Wind sie forttrage. Ich wob meine Träume zu einem Seidenband, das ich fortan meinen Schritten entlang auslegte.
Heute stehe ich wieder an der Weggabelung, an der du mir deine verlorenen Tränen schenktest. Das Glück war ungreifbar tief in mir. Durch den Tropfen in meinem Blick verteilt sich das Licht wie ein Farbfächer. Sie haben den Himmel in Regenbogenpapier gehüllt.
Manchmal nachts kommt er vorbei und entführt mich, nimmt mich mit zu Orten, die ich mit ihm schon entdeckt habe oder die er mich neu entdecken lässt. Strassen und Kurven, an die ich mich nicht erinnere und doch erkenne. Mir unbekannte Städte, in denen ich hinter jeder Ecke schon weiss, was mich erwartet, jedes Haus problemlos wiederfinde und nie den Weg zum Flussufer oder zum Strand verpasse. Ganze Wälder und Berge, durch und über die ich mit ihm reise und Geschichten erlebe, im Sommer wie im Winter. Immer neue Geschichten, an denen doch immer Bekanntes haftet, immer neue Welten, die ich unter anderen Himmeln schon mal bewandert habe. Er lässt mich Gesichtern begegnen, die keine sind und denen ich doch bekannte Personen zuzuordnen weiss. Er lässt mich Stimmen hören, die aus keinem Munde kommen, und doch weiss ich, wer mit mir spricht. Häufig begegne ich diesen Menschen nur noch mit ihm. Er ist auch der einzige, der mich meine Arme ausbreiten und fliegen lässt. Er nimmt mir die Angst, wenn ich über einem Abgrund schwebe, denn ich weiss, ich bin in seiner Begleitung und nichts kann mir passieren. Und oft, wenn mir eben dies bewusst wird, verlässt er mich und mit ihm der Schlaf.
So unbeschwert und unbeirrt schwirrend, flatternd gegen die unendliche Luft. So brennend schön in der Nähe eines Atemzugs. Unter schwarzen Punkten flirrt samtenes Rot, das bald schon zu neuen Flügelschlägen ansetzt. Noch ist Zeit für einen Wunsch mit auf die Reise hinaus ins Himmelsblau. Über noch so viele Wiesen zu fliegen, so viele Blüten zu bestäuben, so vielen Herzen einen Traum zu schenken. Es bleibt die Sanftmut der Berührung. Eine Prise Nostalgie. Glück. Mitgetragen im nächsten Windhauch. Flieg.
Stellt euch vor, man würde eine Hin- und Rückreise unendlich oft wiederholen, irgendwann könnte man den Ausgangsort nicht mehr vom Zielort unterscheiden.
Die Distanz trennt Nahes von Fernem, legt man sie zurück, liegt plötzlich das vorher noch Nahe in der Ferne und die angebliche Ferne rückt immer näher. Wo also liegt nun das, wonach wir mit Vorliebe in der Ferne suchen, obwohl es sich meistens ganz in der Nähe befindet?
Einige der Leute treten die Anreise, andere die Rückreise an. Das Mädchen neben mir rutscht aufgeregt auf ihrem Sitz herum und wird ganz ruhig, scheint die Luft anzuhalten, als die Triebwerke einschalten, die Maschine ihre Fahrt beschleunigt und wir schliesslich mit Wucht gegen die Rückenlehne gepresst werden. Sie schaut dann ganz gespannt aus dem kleinen Fenster, als wolle sie sich die verschiedenen Grautöne der Wolken unter uns einprägen. Ich lese in einem französischen Buch, spüre dann ein schüchternes Tippen an meiner Schulter und werde in englischer Sprache gefragt, was denn "Geschenk" auf Französisch heisse. Nach bereitwilligem Antworten und Nachfragen meinerseits wechseln wir das angefangene Gespräch ins Deutsche, die Sprache, in der wir uns beide grad noch irgendwie mehr Zuhause fühlen. Vor ihr liegt ein einjähriger Aupair-Aufenthalt am Lac Léman, dies ist ihr erster Alleinflug. Sie scheint in mir die geeignete Begleitperson gefunden zu haben, die ihr viele der brennenden Fragen zu beantworten weiss. Ich hoffe, dadurch ihre Nervosität auf ein erträgliches Ausmass reduzieren zu können. Sie fragt mich gleich zu Beginn, ob ich hier wohne. Ich höre mich ja sagen und bin zugleich verwirrt. Das heisst ja wirklich, dass ich auf der Rückreise bin, doch war nicht meine Hinreise gewissermassen schon wie eine Rückkehr?
Heute passiere ich in Gedanken immer wieder den Zoll, gehe zum Gate, das mir die nahe Ferne oder die ferne Nähe verspricht und warte auf das Abheben des Flugzeuges.
Hervorgewagt aus düstrer Tiefe
Schattenbilder ausgemacht
Blicke, Stimmen, erste Briefe
betrübende Klarheit
Hinausgewagt in heitre Weiten
Flammengeister aufgewacht
Singen, Tanzen, Wellenreiten
betrügende Wahrheit
Manchmal fahre ich mit dem Fahrrad durch die Stadt und es ist, als hätten die Putzmaschinen früh morgens sämtliche Spuren und Geschichten vergangener Zeit weggefegt und Fassaden, Strassen und Plätze in eine künstliche Sauberkeit getüncht, deren Geschmack bitter auf den Lippen liegt. Allein die Kühle des Wassers unter den Brücken ist besänftigend. Die vielen sich vordrängenden Wörter fügen sich nicht zusammen und verharren in der Leere. Der Stift in der Hand zeichnet Kreise in die Luft, als möchte er am Rad der Zeit drehen.
Manchmal fahre ich mit dem Fahrrad durch die Stadt und es ist, als würde sie mich grüssen. Auf dem Plainpalais werden die Marktstände aufgestellt und Gemüse, Früchte und Gewürze oder Antiquitäten und Trödel ausgebreitet. Da ist wieder das Leben, von dem die Treppen, Mauern und Fenster erzählen. Die Stadt erwacht zu einem bewegenden Bilderbuch. Bunte Karussellfahrt, Wind im Haar, Sonne im Gesicht. Der Schwerkraft entzogen. Es bräuchte ganze Leinwände und Konzerthallen, Farbtöpfe und Aromen, um zu beschreiben, was sich den Sinnen bietet.
Milan Kundera, Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins
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