Sie sind die Begebenheiten, die sich ergeben, die Begegnungen, denen wir entgegentreten. Sie sind die Geschichten ohne Anfang und ohne Ende. Die sind ein Teil von – etwas ist.
Als ich am Tor stand, freute ich mich auf das Spiel und die Entdeckungen. Mir war nicht klar, wie dicht die Büsche den Weg säumten, wie hoch die Dornen sich türmten und dass der Weg viele Wege bedeutete. Aber wenn man am Tor steht, hat man keine Wahl, es geht zunächst nur vorwärts.
An den vielen Kreuzungen machte ich viele Begegnungen, doch niemand wusste, welcher Weg der richtige war. Wir gingen ein Stück zusammen, trennten uns wieder, gingen hin und wieder zurück. Aus dem Labyrinth der Wege und Kreuzungen wurde bald auch ein Labyrinth der Gefühle und Emotionen. Ich schrieb meine Wünsche in Sand, damit der Wind sie forttrage. Ich wob meine Träume zu einem Seidenband, das ich fortan meinen Schritten entlang auslegte.
Heute stehe ich wieder an der Weggabelung, an der du mir deine verlorenen Tränen schenktest. Das Glück war ungreifbar tief in mir. Durch den Tropfen in meinem Blick verteilt sich das Licht wie ein Farbfächer. Sie haben den Himmel in Regenbogenpapier gehüllt.
Manchmal nachts kommt er vorbei und entführt mich, nimmt mich mit zu Orten, die ich mit ihm schon entdeckt habe oder die er mich neu entdecken lässt. Strassen und Kurven, an die ich mich nicht erinnere und doch erkenne. Mir unbekannte Städte, in denen ich hinter jeder Ecke schon weiss, was mich erwartet, jedes Haus problemlos wiederfinde und nie den Weg zum Flussufer oder zum Strand verpasse. Ganze Wälder und Berge, durch und über die ich mit ihm reise und Geschichten erlebe, im Sommer wie im Winter. Immer neue Geschichten, an denen doch immer Bekanntes haftet, immer neue Welten, die ich unter anderen Himmeln schon mal bewandert habe. Er lässt mich Gesichtern begegnen, die keine sind und denen ich doch bekannte Personen zuzuordnen weiss. Er lässt mich Stimmen hören, die aus keinem Munde kommen, und doch weiss ich, wer mit mir spricht. Häufig begegne ich diesen Menschen nur noch mit ihm. Er ist auch der einzige, der mich meine Arme ausbreiten und fliegen lässt. Er nimmt mir die Angst, wenn ich über einem Abgrund schwebe, denn ich weiss, ich bin in seiner Begleitung und nichts kann mir passieren. Und oft, wenn mir eben dies bewusst wird, verlässt er mich und mit ihm der Schlaf.
So unbeschwert und unbeirrt schwirrend, flatternd gegen die unendliche Luft. So brennend schön in der Nähe eines Atemzugs. Unter schwarzen Punkten flirrt samtenes Rot, das bald schon zu neuen Flügelschlägen ansetzt. Noch ist Zeit für einen Wunsch mit auf die Reise hinaus ins Himmelsblau. Über noch so viele Wiesen zu fliegen, so viele Blüten zu bestäuben, so vielen Herzen einen Traum zu schenken. Es bleibt die Sanftmut der Berührung. Eine Prise Nostalgie. Glück. Mitgetragen im nächsten Windhauch. Flieg.
Stellt euch vor, man würde eine Hin- und Rückreise unendlich oft wiederholen, irgendwann könnte man den Ausgangsort nicht mehr vom Zielort unterscheiden.
Die Distanz trennt Nahes von Fernem, legt man sie zurück, liegt plötzlich das vorher noch Nahe in der Ferne und die angebliche Ferne rückt immer näher. Wo also liegt nun das, wonach wir mit Vorliebe in der Ferne suchen, obwohl es sich meistens ganz in der Nähe befindet?
Einige der Leute treten die Anreise, andere die Rückreise an. Das Mädchen neben mir rutscht aufgeregt auf ihrem Sitz herum und wird ganz ruhig, scheint die Luft anzuhalten, als die Triebwerke einschalten, die Maschine ihre Fahrt beschleunigt und wir schliesslich mit Wucht gegen die Rückenlehne gepresst werden. Sie schaut dann ganz gespannt aus dem kleinen Fenster, als wolle sie sich die verschiedenen Grautöne der Wolken unter uns einprägen. Ich lese in einem französischen Buch, spüre dann ein schüchternes Tippen an meiner Schulter und werde in englischer Sprache gefragt, was denn "Geschenk" auf Französisch heisse. Nach bereitwilligem Antworten und Nachfragen meinerseits wechseln wir das angefangene Gespräch ins Deutsche, die Sprache, in der wir uns beide grad noch irgendwie mehr Zuhause fühlen. Vor ihr liegt ein einjähriger Aupair-Aufenthalt am Lac Léman, dies ist ihr erster Alleinflug. Sie scheint in mir die geeignete Begleitperson gefunden zu haben, die ihr viele der brennenden Fragen zu beantworten weiss. Ich hoffe, dadurch ihre Nervosität auf ein erträgliches Ausmass reduzieren zu können. Sie fragt mich gleich zu Beginn, ob ich hier wohne. Ich höre mich ja sagen und bin zugleich verwirrt. Das heisst ja wirklich, dass ich auf der Rückreise bin, doch war nicht meine Hinreise gewissermassen schon wie eine Rückkehr?
Heute passiere ich in Gedanken immer wieder den Zoll, gehe zum Gate, das mir die nahe Ferne oder die ferne Nähe verspricht und warte auf das Abheben des Flugzeuges.
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